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Modehunde, (wie) geschaffen für kurzlebige Trends

Es gibt viele Hunde. Ganz viele Hunde, zuviele, um genau zu sein. Die Tierheime sind voll davon. Trotzdem sind sehr viele Hunde-Interessenten nicht an einem bereits vorhandenen Hund interessiert. Für ganz viele muss es einfach ein Welpe sein, und dann auch noch ein Welpe einer bestimmten Rasse.

Der Entscheidung für eine bestimmte Rasse, für eine bestimmte Sorte Hund liegen dabei die unterschiedlichsten Motive zugrunde. Manche sind einfach vernünftig. So sucht ein aktiver Jäger vermutlich einen Jagdhund, der Bewohner eines einsamen Gehöftes einen Wachhund, eine Familie mit Kindern vermutlich einen Familienhund, ein Großstadtbewohner vermutlich einen eher kleinen Hund. Undsoweiter, die Liste der vernünftigen Gründe ist noch viel länger.

Vernünftige Gründe

All diesen Menschen kann geholfen werden. Es gibt die unterschiedlichsten Hunderassen, deren Eigenschaften durch jahrelange, manchmal jahrhundertelange Zucht zuverlässig vorhergesagt werden können. Für jede Kombination von Ansprüchen gibt es den idealen Hund. Für Menschen, die bereit sind, sich überraschen zu lassen, gibt es auch immer noch Mischlinge, von denen niemand im Voraus weiß, was aus ihnen mal werden wird.

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In den letzten Jahren ist allerdings mehr und mehr eine Verschiebung in den Ansprüchen, die an den Hund gestellt werden, zu beobachten. Für eine wachsende Zahl von Menschen hängt die Entscheidung für einen bestimmten Hund von einer einzigen Eigenschaft ab, von seinem Aussehen. Der Hund soll gut aussehen, was er sonst noch für Eigenschaften haben soll, bleibt diffus, wird vielleicht noch mit dem Attribut pflegeleicht am besten umschrieben. Welches Aussehen bevorzugt wird, ist nicht nur individuell unterschiedlich, sondern unterliegt der Mode, die genauso wechselt wie die Mode bei Bekleidung oder anderen Gegenständen.

Modische Aspekte und Hundeverständnis

Um einen bestimmten Hund aufgrund bestimmter Eigenschaften zu bevorzugen, muss man ein gewisses Hundeverständnis mitbringen. Man muss zumindest so ungefähr wissen, was ein Hund ist, was für Ansprüche er stellen wird. Erst wenn man sich über das Grundsätzliche klar ist, kann man ins Detail gehen und den einen Hund vor dem anderen bevorzugen. Das bedeutet auch, dass erfahrene Hundehalter sich vermutlich weniger von den wechselnden Moden beeinflussen lassen werden als Anfänger.

Viele Menschen sind bisher keine Hundehalter. Das Bedürfnis, jetzt doch einen Hund zu halten, entsteht bei vielen aus einem äußeren Anlass heraus. Fernsehsendungen, in denen Hunde mitspielen, lassen die Nachfrage nach genau solchen Hunden in der Regel in die Höhe schnellen. Wenn Prominente sich medienwirksam als Hundehalter outen, führt das oft zu einem deutlichen Anstieg im Interesse an der jeweiligen Hunderasse.

Während diese Entwicklung von Tierfreunden mit Skepsis betrachtet wird, lässt sie sich natürlich nicht so einfach aufhalten. Es gibt eine Klientel, die Hunde als modisches Accessoire betrachtet, und es gibt einen Markt, der diese Ansprüche bedient. Es geht um viel Geld.

Angebot und Nachfrage bei Hundewelpen

Rassehunde werden von anerkannten Züchtern nach kontrollierten Regeln gezüchtet. Die Ansprüche sind hoch, auch wenn um die inhaltliche Ausgestaltung immer wieder gestritten wird. Zuchtziele sind normalerweise nicht nur ein bestimmtes Aussehen, sondern auch bestimmte Wesenseigenschaften des Hundes. Auf Gesundheit, insbesondere auf Freiheit von vererbbaren Krankheiten, wird geachtet, die Auswahl der Elterntiere wird mit Sorgfalt betrieben.

Auch wenn nicht alle Zuchtziele allgemeine Anerkennung finden, so sichert das System doch im Allgemeinen den Fortbestand der jeweiligen Hunderassen in gesundheitlich gutem Zustand.

Sobald jedoch eine bestimmte Hunderasse modern wird, entsteht allerdings das Problem, dass die Züchter nicht genug Welpen produzieren können, um die plötzlich ansteigende Nachfrage zu befriedigen. Seriöse Züchter streben das auch eher nicht an.

Hundevermehrer

Abhilfe versprechen die Hundevermehrer. Auch wenn die natürlich auch nicht alle gleich sind, so wird die Zunft doch leider von den schwarzen Schafen dominiert. Diese produzieren massenhaft Welpen der gewünschten Rasse, oder zumindest behaupten sie das. Sie verfolgen gänzlich andere Ziele als die anerkannten Züchter. Sie wollen vor allem möglichst schnell und möglichst kostengünstig möglichst viele Welpen produzieren, wer weiß, wie lange die Mode anhält. Die nötige Sorgfalt bei der Auswahl der Elterntiere, bei der Aufzucht der Welpen, bei der Auswahl der zukünftigen Besitzer bleibt dabei auf der Strecke.

Der unbedarfte Neu-Hundebesitzer kann den Unterschied nicht erkennen. Er weiß nicht, dass die vorgelegten Papiere Fantasieprodukte sind, dass sie garnicht vom Zuchtverband stammen. Während die meisten auf wohlklingende Ahnentafeln vermutlich verzichten können, sind andere Bedingungen viel wichtiger, und mindestens genauso schwer zu erkennen. Nach welchen Kriterien wurden die Elterntiere ausgewählt, sind die gesund und frei von vererbbaren Krankheiten? Sind die Welpen gesund, geimpft und entwurmt? In welchem Alter wurden sie von der Mutter getrennt, wo ist die Mutterhündin jetzt? Kann die Impfbescheinigung tatsächlich eindeutig genau diesem Hund zugeordnet werden, oder wurde da ein ganz anderer Hund geimpft? Sind die Welpen mit Menschenkontakt aufgewachsen, wurden sie an Kinder, Katzen, andere Tiere gewöhnt? Die Liste der Fragen ist lang, ein seriöser Züchter kann sie alle beantworten.

Allerdings wird der seriöse Züchter auch ein paar Fragen an den zukünftigen Hundebesitzer stellen. Wer sie nicht zufriedenstellend beantworten kann oder will, oder wem die Wartezeit bis zum nächsten Wurf zu lang ist, der wird vom Hundevermehrer prompt und ohne Fragen bedient. Oft kostet der Welpe auch noch weniger als der vom Züchter.

Man kann auch Glück haben, manche Welpen sind so robust, dass sie die schlechteste Behandlung ohne Schaden überstehen. Manche werden auch gut behandelt, aber das lässt sich zu oft nicht wirklich feststellen. Wenig überraschend sind Hunde vom Hundevermehrer, aus der Tierhandlung oder aus Zeitungsannoncen deshalb häufiger krank oder verhaltensgestört als Hunde vom Züchter. Hinzu kommt, dass sie häufiger an Hundehalter abgegeben werden, die keine Ahnung haben, was da auf sie zukommt. Es treffen also zwei ungünstige Bedingungen zusammen. Hunde mit ungünstigen Startbedingungen, die vielleicht durch gute Pflege ausgeglichen werden könnten, treffen auf unerfahrene Hundehalter, die schon mit einem gesunden Hund überfordert wären.

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Spätestens wenn die Mode wechselt, wenn der Trend eine andere Rasse oder Farbstellung bevorzugt, verlieren viele dann das Interesse an ihrem Hund wieder.

Designerhunde

Aber es gibt durchaus noch Steigerungsmöglichkeiten. Wenn der aus der Mode gekommene Rassehund langweilig geworden ist, kann vielleicht ein ganz exklusiver Designerhund das Interesse nochmal wachrufen. Im Gegensatz zu den üblichen Rassehunden ist ein Designerhund etwas, was nicht jeder hat. Man kann sich mit etwas ganz besonderem schmücken. Designerhunde werden genau wie Designerklamotten, teure Autos und andere exklusive Gegenstände in kleinen Serien produziert. Nicht zuviele, schließlich soll nicht jeder so etwas haben, aber auch genug davon, dass die Insider erkennen, dass sie etwas ganz Besonderes, etwas ganz besonders Teures vor sich haben. Der Hund wird auf eine Rolle als Accessoire reduziert. Dafür ist er dann auch besonders teuer.

Witzigerweise sind Designerhunde im Grunde Promenadenmischungen, die nur eben absichtlich produziert werden. Genau wie bei Promenadenmischungen steht überhaupt nicht fest, was für Eigenschaften der Hund mal haben wird. Es wird viel versprochen, aber wer sich ein bisschen mit Vererbungslehre auskennt, weiß, dass diese Versprechungen unmöglich zu halten sind. Der entscheidende Unterschied zur Promenadenmischung besteht im Marketing.

Bei vielen Designerhunden handelt es sich um Mischlinge aus zwei verschiedenen Rassen, sogenannte Hybridhunde. Die dann eben nicht zufällig entstehen, sondern absichtlich miteinander verpaart werden. Dem Ergebnis gibt man dann einen Namen, das ist ein wichtiger Unterschied zur Promenadenmischung. Zum Beispiel heißt die Mischung aus Labrador und Pudel Labradoodle. Zusammen mit der entsprechenden Vermarktung ist hier natürlich ein exklusives Produkt entstanden, das nicht jeder hat.

Wie bei allen exklusiven Produkten streben natürlich viele Menschen danach, so etwas zu besitzen, als Statussymbol. Sobald es zuviele werden, geht die Exklusivität verloren, ein neues Produkt muss her. Dass dann wieder auf die gleiche Weise vermarktet wird. Dass es bei der ganzen Geschichte nicht um die Hunde, sondern ums Geld geht, zeigt sich in besonderer Weise in einer recht neuen Entwicklung, den Markenhunden.

Markenhunde

Bei Markenhunden handelt es sich um neue "Hunderassen", die unter Markenschutz stehen. Das Markenrecht sichert die finanziellen Interessen des Markeninhabers, um Rassestandards, Tierschutz und ähnliche Themen kümmert es sich nicht. Da die Idee, Hunde unter Markenschutz zu stellen, relativ neu ist, sind auch die dadurch geschützten Hunderassen recht neu und im Allgemeinen nicht von der FCI anerkannt. Es werden auch Hunde mit den unterschiedlichsten Eigenschaften unter der jeweiligen Bezeichnung subsumiert, solange sie der Markendefinition entsprechen.

Markenhunde dürfen jedenfalls nur vom Markeninhaber und seinen Lizenznehmern verkauft werden, was es den Vermehrern natürlich schwer macht. Zumindest genauso schwer wie bei einer anerkannten Hunderasse. Bleibt natürlich zu hoffen, dass die Lizenznehmer nicht selber wie Vermehrer agieren. Schließlich müssen sie ihre Lizenzkosten wieder hereinbekommen.

Wirkliche Sicherheit vor unseriösen Nachahmern bietet das Markenzeichen auch nicht, schließlich gibt es Produktpiraterie auf allen Gebieten. Warum sollten gerade die Hunde davon ausgenommen sein?

Modische Trends und ihre Lenkung

Modische Trends entstehen zum einen einfach so, spontan. Allerdings sind die Mechanismen, die dieser Trendentstehung zugrundeliegen, längst untersucht. Entsprechend werden Trends natürlich geplant geschaffen. Auch wenn das nicht in jedem Fall gelingt und ein gutes Marketing sicherlich unverzichtbar ist, so ist die gelenkte Trenderschaffung längst Realität. Die Mode entsteht also keineswegs immer zufällig, die entsprechenden Hunde sind nicht zufällig gerade vorrätig, sie werden extra hergestellt.

Kritische Selbstprüfung

Menschen, die modischen Trends folgen, sind im Allgemeinen der Ansicht, sie würden ihre Individualität ausleben und sich ganz unbeeinflusst genau das kaufen, was ihnen selbst am besten gefällt. Praktischerweise ändern sie ihre Meinung immer genau dann, wenn eine neue Kollektion herauskommt. Solange es um Kleidung und vergleichbare Gegenstände geht, ist ein solches Vorgehen zulässig und akzeptabel. Sobald es um Lebewesen geht, sollte man etwas kritischer sein.

Wer also an sich selbst auf einmal das Bedürfnis feststellt, einen Hund einer ganz bestimmten Rasse, Marke oder Hybride zu besitzen, obwohl er bis dahin noch nie in Erwägung gezogen hatte, überhaupt Hundebesitzer zu werden, der sollte sich ernsthaft fragen, wo dieses Bedürfnis herkommt, ob es wirklich aus ihm selbst heraus kommt oder nicht vielleicht doch eher einem geschickten Marketing, oder der "Vorbild"wirkung von Prominenten, zu verdanken ist.

Denn jeder Hund ist zunächst einmal Hund, ein Lebewesen mit Ansprüchen an artgerechte Haltung, an Zuwendung, Platz und Zeit. Auch wenn manche Hunde wirklich niedlich aussehen, sind es keine Anziehpuppen, sondern Lebewesen, die laufen und toben wollen, die Dreck und Ärger machen, die einen Dickkopf haben und Erziehung brauchen, undsoweiter. Erst wenn man sich klargemacht hat, was es bedeutet, einen Hund zu halten, sollte man darüber nachdenken, was für ein Hund es denn nun sein soll. Die umgekehrte Vorgehensweise führt zu Ärger, den der Hund als der schwächere Partner auszubaden hat. Verantwortungsvolles Handeln bedeutet auch, sich über seine Motive klar zu werden. Warum genau ist der Tierheimhund nicht der richtige?

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